Leben mit der Vergangenheit oder wohnen in der Zukunft?

Viele Menschen dekorieren Ihre Wohnung mit alten Möbeln und Gegenständen, von denen Sie sich nicht trennen können, weil sie alle eine Geschichte zu erzählen haben und somit tief im Herzen verankert sind.

Ich frage mich, ob man nicht lieber im „Hier und Jetzt“ leben sollte als in alten Erinnerungen. Ein kleines Plädoyer für ein Räumungskommando der alten Möbel.

Der Ohrensessel

Wir haben sie alle, die Möbel aus vergangenen Zeiten mit einer persönlichen Geschichte. Zum Beispiel der große Ohrensessel, in dem der Großonkel immer “ruhte“. Bei jeder Familienfeier oder auch nur bei Kaffee und Kuchen, ruhte er in seinem Sessel. Alle wussten, dass er in Wirklichkeit schlief, aber „ruhen“ hörte sich einfach vornehmer an. Es wurde zu einem Synonym in unserer Familie, jeder der schlafend beim Fernsehen erwischt wurde, verteidigte sich spontan mit den Worten: „Ich habe nur geruht!“

Der Esstisch

Dann gibt es da den Tisch in unserem Esszimmer. Bei der Wohnungsauflösung der Oma führte dieser Esstisch, zwischen meiner Schwester und mir zu hitzigen Diskussionen. Die Diskussionen brachten einen handfesten Streit mit sich, der sich auf gutem Weg befand ein Familiendrama zu entfachen. Meine Mutter schritt ein und machte uns den Vorschlag, wir sollten doch, um den Tisch pokern. Wir haben gepokert – ich habe gewonnen!
Der Tisch ist schön, aber nicht der Schönste. Er hat die dicken Beine so platziert, dass man ab vier Personen, beim Sitzen ein Stuhlbein zwischen den Beinen hat. Durch das jahrelange Umfunktionieren des Tisches zum Bügelbrett splittert die Holzoberfläche überall ab. Ja, ich weiß, wir reden hier über die in den Himmel gehobene Patina. Man kann den Tisch sogar ausziehen, doch haben sich im Lauf der Jahre, die einzelnen Platten so verzogen, dass sie eine unregelmäßige Gesamtfläche ergeben. Aber ich habe ihn beim Pokern gewonnen!


Die Garderobenhaken

Dann gibt es noch die Garderobenhaken, die ich einst aus dem Sperrmüll meiner alten Schule gezogen habe. Es war im Sommer 1980, wir haben damals den Container hinter der Schule entdeckt und uns verabredet bei Dunkelheit wieder zu kommen. Heimlich schlichen wir uns von hinten an den Container und jeder zog sich beseelt ein Erinnerungsstück aus dem Müll. Am nächsten Tag sahen wir das große Schild auf der Vorderseite des Containers: Zu verschenken! Hängen geblieben ist aber die nächtliche Aktion und das Herzklopfen etwas Verbotenes getan zu haben.

Die Möbel der Vergangenheit – Die Geister, die ich rief

Möbelstücke haben im Lauf der Jahre einige Geschichten zu erzählen. Sie haben ihren Platz in unserer Wohnung gefunden und sammeln neue Geschichten, mit denen sie weiter angeben können. In keinem anderen Bereich in unserem Leben sind wir so traditionell, vergangenheitsliebend und rückblickend, wie in unserem Zuhause. Wir erinnern uns gerne an vergangene Geschichten und Erlebnisse, wenn wir die nicht hätten, wäre die Wohnung unpersönlich und „hotellastig“.
Wenn wir keine eigenen Möbel mit Geschichte besitzen, kaufen wir uns unbekannte eindrucksvolle Ereignisse. Einen Stuhl des Künstlers Ai Weiwei, der seine 1001 Stühle, die 2007 Teil eines seiner Kunstwerke auf der documenta waren. Oder der Beistelltisch, angefertigt aus alten Bohlen, gekauft in einer Upcycling Werkstatt am Prenzlauer Berg in Berlin. Shabby, Retro oder Vintage Stil, wir lieben es, genauso wie unsere Altbauwohnung mit all ihren Knarzern und undichten Fenstern.

Museum oder Trendscout

Irgendwann werden uns die Erinnerungen erdrücken. Die Bratpfanne, die ich von meiner Mutter zum Auszug erhielt, klein - die exakte Größe für ein Spiegelei. Damals interpretierte ich das Wort Spiegelei neu für mich. Ich erhielt die Pfanne, natürlich Teflon beschichtet, fein säuberlich, in Geschenkpapier verpackt. In meinem Überschwang dachte ich, in verpacktem Zustand, es wäre ein alter Handspiegel vom Flohmarkt. Die Pfanne liegt immer noch im obersten Küchenschrank neben dem Eierkocher aus meiner ersten Studenten WG.

Langsam fühlt es sich so an, als wäre ich der Museumswärter in meiner eigenen Wohnung. Ich führe die Gäste herum, habe einen kleinen Laserpointer in der Hand, damit ich auch hinten in die Schränke leuchten kann, und erzähle den ganzen Abend Geschichten über Geschichten vergangener Tage.


Zukunftsträchtig

Mein neuer Plan bezüglich der Wohnung ist: Mehr Zukunft und mehr „Hier und Jetzt“ in die Altbauwohnung zu holen. Die Wohnung zum Trendscout des eigenen Lebens zu machen. Je nach Jahreszeit oder Feierlichkeit dekorieren wir das Jahr über, zeitbegrenzt, unsere Wohnungen, um uns auf das bevorstehende einzustimmen. Weihnachten, Ostern oder einfach nur herbstliche Deko aus der Natur. Das will ich auch, bezogen auf die Zukunft. Ich möchte Post aus der Zukunft nicht Urlaubskarten aus der Vergangenheit. Fotos von Orten, die ich besuchen möchte (Kaunakakai, Kapstadt, Idar-Oberstein), nicht wo ich schon überall war.